Frauen in klinischen Studien

Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien statt

Donnerstag, 16. Oktober 2025, 14:30 Uhr
AKH Hörsaalzentrum, Hörsaal 3
Währinger Gürtel 18-20, 1090 Wien

Die Fortbildungsveranstaltung „Frauen in klinischen Studien“ widmete sich einem sehr bedeutsamen Thema, nicht nur im Kontext von klinischen Studien, sondern ganz generell in der Medizin und in der Forschung.

Priv.Doz. Dr. Michael Leutner, PhD MSc, UniKlinik Innere Medizin III, MedUni Wien, begann seinen Vortrag zum Thema „Gendermedizin in klinischen Studien“ mit dem Hinweis auf den grundlegenden Unterschied zwischen Sex, dem biologischen Geschlecht, und Gender, dem psychosozialen Geschlecht und entsprechender soziokultureller Faktoren und auf das komplexe Zusammenspiel beider Aspekte, die sich jeweils gegenseitig beeinflussen.

Das biologische Geschlecht spielt sowohl physiologisch (z.B. Unterschiede bei Metabolismus und Energie Homöostase) als auch pathophysiologisch eine wichtige Rolle. Somit ergeben sich Unterschiede bezüglich Manifestation und Verlauf von Erkrankungen. Bekannte Beispiele sind sex-spezifische Unterschiede in der Fettverteilung sowie bei metabolischen und Herz-Kreislauferkrankungen. Letztere treten bei Frauen durch den protektiven Effekt der Östrogene im Durchschnitt 10 Jahre später auf, jedoch haben Frauen insgesamt eine höhere Mortalität. Die Unterschiede bei Herzinfarkt-Symptomen sind allgemein bekannt. Dass Frauen ein schlechteres Outcome nach einer PCI haben, wurde jedoch erst spät erkannt. Erst durch weitere Untersuchungen konnten die Ursachen identifiziert und mit einer abgewandelten Technik das Outcome verbessert werden. Unterschiede gibt es auch beim Ansprechen auf viele Medikamente, sowohl in Hinblick auf Wirksamkeit bzw. Nebenwirkungsrisiko, und in Hinblick auf die korrekte Dosierung.

Um ein Bias und Fehlinterpretationen der Ergebnisse zu vermeiden, sollten deshalb in klinischen Studien – und auch generell in der Forschung – sowohl Sex als auch Gender erhoben und jeweils einzeln ausgewertet oder zumindest deskriptiv dargestellt werden.

Ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Alex Farr, MPH, Stv. Leiter Abt. Geburtshilfe und feto-maternale Medizin, UniKlinik für Frauenheilkunde MedUni Wien, widmete sich in seinem Vortrag dem Thema „Studien an Schwangeren und Stillenden: Herausforderungen und Perspektiven“.

Zunächst erinnerte er an den historischen Hintergrund, das Thalidomid Desaster, das die FDA zu einem jahrzehntelangen Ausschluss von Schwangeren von klinischen Studien veranlasst hatte. Erst in der COVID Pandemie hat sich diese Haltung geändert. Allerdings nehmen 70 – 80% der Schwangeren ein Medikament ein, ohne entsprechende klinische Evidenz – eine Situation, die wissenschaftlich nicht akzeptabel ist und auch aufgrund ethischer Überlegungen verändert werden muss: Mit dem Ziel, vulnerable Gruppen, wie Schwangere, nicht aus Studien pauschal auszuschließen, sondern sie gerade durch Studien abzusichern. Auf Basis vorhandener Daten ist frühzeitig zu prüfen, ob ein Studieneinschluss dieser Personengruppen grundsätzlich möglich sein kann. Die Entscheidung selbst muss angesichts der Verantwortung für Mutter und Kind unter entsprechend genauer Nutzen-Risiko-Abwägung und detaillierter Aufklärung erfolgen.

Weitere Möglichkeiten, eine fundiertere Entscheidungsbasis zu schaffen, sind Daten aus Beobachtungsstudien, Registern oder der Pharmakovigilanz, aber auch Modellierungen. Dabei müssen die physiologischen Veränderungen und auch die variable Empfindlichkeit je nach Gestationsalter berücksichtigt werden. Ebenfalls zentral ist die Plazentagängigkeit: bei Medikamenten meist unerwünscht (Nebenwirkungen), im Kontext von Impfungen dagegen beabsichtigt (Übertragung der schützenden Antikörper). Gerade dieser letzte Aspekt war in der COVID-Pandemie relevant: der anfängliche Ausschluss von Schwangeren aus den Impfstoffstudien wandelte sich durch Daten aus Registern und Postmarketing-Surveillance in eine klare Empfehlung, die Schwangeren zu impfen.

Der Vortrag von Assoz. Prof. Dr. Eva Maria Zebedin-Brandl, PhD, Institut für Pharmakologie, MedUni Wien, zum Thema „ICH E21 – Ein notwendiger Fortschritt oder ein riskanter Paradigmenwechsel?“ schloss nahtlos an diese Thematik an.

Schwangere/Stillende sind aus klinischen Studien ausgeschlossen, und der Eintritt einer Schwangerschaft während einer Studie bedeutet in der Regel die sofortige Beendigung der Teilnahme. Hauptgründe sind Sicherheitsbedenken, ethische Zurückhaltung und Haftungsrisiken. Die Folge ist fehlende Evidenz trotz eindeutigem Medical Need durch präexistente sowie schwangerschaftsspezifische Erkrankungen.

Die ICH E21 Guidance (derzeit noch in Konsultation) soll einen definierten Rahmen für den angemessenen Einschluss von Schwangeren/Stillenden in klinische Studien gewährleisten. Grundlage ist der „weight of evidence approach“, eine strukturierte Bewertung aller vorhandenen Informationen zur Sicherheit/Wirksamkeit eines Medikamentes. Dazu gehören pharmakologische und biologische Plausibilität (Plazentatransfer), Mode of action (Signalwege, deren Störung nachweislich zu schweren Risiken/Schäden beim Embryo führen können), Daten aus der nicht-schwangeren Population und nicht-klinische Daten, inklusive Einsatz von Organoiden und Expressionsstudien. Auf dieser Grundlage soll eine transparente und fundierte Entscheidung möglich werden, ggf. auch trotz noch bestehender Unsicherheiten, nach dem Prinzip „as good as it gets“.

ICH E21 steht für das Bekenntnis, dass Schwangere und Stillende qualitativ hochwertige Forschung brauchen und keinen unbegründeten Ausschluss – also Inklusion verstanden als Verantwortung im Sinne der evidenzbasierten Medizin.

„Zahlen sind nicht objektiv – sie entstehen durch Auswahl, Definition und Interpretation.“ Mit dieser Aussage umreißt Valentin Ritschl, PhD, MSc, Data Analyst, Center for Medical Data Science (Institute of Outcomes Research), MedUni Wien, sein Vortragsthema „Gender-Statistik“. Er bildet damit eine Brücke zum ersten Vortrag und dem zu erwartenden Bias, wenn die Aspekte biologisches und soziales Geschlecht nicht gezielt berücksichtigt werden. Er fordert deshalb, Effekte geschlechter-spezifiziert zu berichten, immer unter Angabe der jeweiligen Effektgrößen, auch wenn sie nicht signifikant sind. Idealerweise werden Power und sample size bereits entsprechend geplant.

Algorithmen mit Laborparametern als Entscheidungsgrundlage können systematische Fehler bzw. Fehlentscheidungen hervorrufen, wenn geschlechtsspezifische Unterschiede nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden. Ein Beispiel ist der Genderbias im Kontext Lebertransplantation (MELD Score schätzt Dringlichkeit bei Männern falsch hoch ein) oder der Schwellenwert, ab dem eine Dialyse eingeleitet werden (bevorzugt Männer). Auch KI-Modelle müssen überprüft werden, ob es zu einer systematischen Bevorzugung oder Benachteiligung hinsichtlich biologischen Geschlechts kommt.

Fazit: Statistik ist nie neutral, sie spiegelt wider, was, wie und wen wir messen. Im Kontext Gender müsste das biologische Geschlecht folglich als zentrale Kovariable/Wirkfaktor betrachtet werden – und nicht als „Störfaktor“.

Dr. Klara Rosta, Fachärztin f. Innere Medizin u. Rheumatologie, RHEPRO-Ambulanz, erläutert ihre Erfahrungen mit dem ersten österreichischen Register für Schwangerschaft bei rheumatischen Erkrankungen.

Ca. 70% der Patient*innen mit rheumatischen Erkrankungen sind Frauen, viele davon im gebärfähigen Alter. Nachdem die Krankheitsaktivität das Schwangerschafts-Outcome beeinflusst (höhere Aktivität = schlechteres Outcome), muss die Krankheit stabil gehalten werden, idealerweise in Remission – mit Medikamenten, die auch in der Schwangerschaft angewendet werden können. Hier kommt der peri-konzeptionellen Beratung (gemeinsam mit dem Partner) ein hoher Stellenwert zu. Um diese Thematik besser und mit mehr Evidenz angehen zu können, wurde das Register gegründet, mit Fokus auf Patientinnen mit SLE. Die Datenerfassung erfolgt vor der Konzeption, in der Schwangerschaft und bei der Geburt (Plazentamorphologie, Nabelschnurblut) sowie bis zu zwei Jahren danach, der Vergleich wird anhand einer historischen Kohorte (2012-2016) geführt. Eine spezifische Fragestellung wurde im Kontext der COVID-Impfung untersucht: es konnte gezeigt werden, dass nach maternaler Immunisierung bei Frauen mit rheumatischer Erkrankung die Antikörperübertragung auf das Kind vergleichbar gut war wie bei gesunden Schwangeren.

Im abschließenden Vortrag befasste sich Assoc. Prof. Priv. Doz. Dr. Helga Lechner-Radner, Director of the Clinical Trial Unit (Division Rheumatology), MedUni Wien, mit der Fragestellung “Welche unterschiedlichen Bedürfnisse haben Frauen als Teilnehmerinnen von klinischen Studien?“.

Auch in diesem Kontext spielt die schon zuvor besprochene unterschiedliche Symptomatik bzw. das unterschiedliche Manifestationsalter bei bestimmten Erkrankungen eine wichtige Rolle, ebenso wie das geschlechts-(sex-)spezifische Ansprechen auf bestimmte Therapien. Auch die zyklus-abhängige Schmerzwahrnehmung ist ein Fakt – eine diesbezügliche Datenerfassung oder -auswertung erfolgt jedoch fast nie.

Ein weiterer Faktor ist der Gender-Bias bei der Studienteilnahme selbst: Frauen werden aufgrund „ihrer Rolle“ (Stichwort Familien-Verantwortung) und die entsprechenden soziokulturellen Faktoren eher von einer Studienteilnahme abgehalten. Dieses spezifische Bias kann durch eine entsprechende Ausgestaltung des Studienablaufs (Flexibilität, wo und wann Visiten stattfinden, Nutzung von eHealth, child care) sowie methodische Konzepte wie eine Block-Randomisierung (Frau/Mann) zumindest reduziert werden. Hilfreich ist auch diverses und speziell geschultes Studienpersonal, sowie ausreichend Beratungs- und Bedenkzeit vor einer etwaigen Studienteilnahme, und auch die Wahlfreiheit, ob die Studienteilnehmerin von weiblichem Studienpersonal betreut werden möchte.

Die lebhaften Diskussionen zu den einzelnen Vorträgen waren der Beweis dafür, mit dieser Veranstaltung ein wirklich „heißes Thema“ adressiert zu haben.

Die Slides dieser Vorträge sind nur für Mitglieder abrufbar. Den Link erhalten Sie wenn Sie Mitglied werden

Koordinationszentrum für Klinische Studien, 1090 Wien, Kinderspitalgasse 25a, OG 1, Tel (+43-1)40160 25183, kks@meduniwien.ac.at, http://www.meduniwien.ac.at/kks

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