Research at MUW – New Projects and Buildings
Diese Veranstaltung fand in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien statt
Donnerstag, 26. März 2026, 15 Uhr Allgemeines Krankenhaus Wien, Hörsaalzentrum, Hörsaal 2 1090 Wien, Währinger Gürtel 18-20
Die Fortbildungsveranstaltung widmete sich den neuen Forschungsgebäuden der MedUni Wien, dem Ausbau translationaler Infrastruktur und der Frage, wie Forschung, klinische Entwicklung und Prävention in Zukunft noch enger miteinander verzahnt werden können. Dabei wurde deutlich, dass Gebäude in diesem Zusammenhang weit mehr sind als nur bauliche Hüllen: Sie sollen Kooperation ermöglichen, neue Technologien beherbergen und den Transfer von Forschungsergebnissen in die Patient*innenversorgung beschleunigen.
Bereits in der Begrüßung betonten Dipl.-Ing.in Dr. Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation, und Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr.med.univ. Markus Zeitlinger, Vizepräsident der GPMed, die Bedeutung dieser Entwicklung. Michaela Fritz hob hervor, dass Gebäude mit Leben gefüllt werden müssen – mit Ideen, Projekten und vor allem mit Menschen. Gerade dafür brauche es eine enge Kooperation zwischen universitärer Forschung, klinischer Versorgung und der pharmazeutischen Industrie. Innovationen sollten nicht abstrakt bleiben, sondern möglichst direkt den Weg ins AKH finden und dort wirksam werden.
Im Vortrag von Univ.Prof. DDr. Christoph Binder, Klinisches Institut für Labormedizin, MedUni Wien, zu den neuen Forschungsgebäuden der MUW wurde diese Vision konkretisiert. Als zentrale Gründe für die Neubauten nannte er erstens die Notwendigkeit, die Medizin der Zukunft zu ermöglichen – mit exakterer Diagnostik und gezielteren Therapien. Zweitens gehe es um den Wandel von einer vorwiegend reparativen Medizin hin zu einer stärker präventiv ausgerichteten Medizin. Drittens sei die Translation eine wesentliche Säule, wenn Forschungsergebnisse tatsächlich bei Patient*innen ankommen sollen. Binder stellte diese Entwicklung auch in einen historischen Kontext: Wien habe mit Persönlichkeiten wie Karl Landsteiner und Ignaz Semmelweis eine wissenschaftliche Tradition, die Präzisionsmedizin und Prävention in gewisser Weise bereits vorweggenommen habe. Landsteiners Arbeiten zu den Blutgruppen und Semmelweis’ Nachweis, dass Hygiene Infektionen verhindern kann, seien dafür beispielhaft.
Besonders anschaulich wurde dies anhand der Frage, wen die neuen Möglichkeiten konkret betreffen: Ziel ist es, Medikamente möglichst genau jenen Patient*innen zu geben, die tatsächlich davon profitieren, und unnötige Nebenwirkungen zu vermeiden. Dass die persönliche Genomsequenzierung heute nicht mehr primär an der technischen Machbarkeit, sondern zunehmend an der Kostenfrage hängt, zeigt, wie stark sich die Voraussetzungen seit den ersten Durchbrüchen verändert haben. Entscheidend für den nächsten Fortschritt seien nun die Kombination von molekularer Diagnostik und IT, große Datenmengen, Bioinformatik und moderne Screening-Plattformen. Eine zentrale Rolle werde dabei auch die Biobank spielen, weil sie die Grundlage schafft, neue Zielstrukturen zu identifizieren und Biomaterialien systematisch für künftige Forschung nutzbar zu machen.
Auch die neuen Gebäude selbst wurden näher beschrieben. Das Anna-Spiegel-Gebäude soll nicht nur Labor- und Forschungsflächen bieten, sondern auch Begegnung ermöglichen. Geplant sind Bereiche für Drittmittelprojekte, Plattformen wie Durchflusszytometrie und Screening, GMP-Infrastruktur sowie ruhigere Zonen für Büros und interaktive Zusammenarbeit. Ein wesentlicher Aspekt ist die Lobby als offener Raum mit neuem Auditorium, Hörsaal und Seminarräumen für Tagungen und Kongresse. Das Zentrum für Präzisionsmedizin, benannt nach Eric Kandel, soll Anfang 2027 in Betrieb gehen und ist über eine Brücke mit dem Zentrum für Translationale Medizin (CTM) verbunden. Diese Verbindung steht sinnbildlich für den Weg von der Grundlagenforschung bis zur medizinischen Versorgung.
Wie stark dieser Anspruch auch infrastrukturell umgesetzt wird, zeigte der Vortrag von Univ.Prof. Dr. Antonia Müller, Universitätsklinik für Transfusionsmedizin und Zelltherapie, MedUni Wien, zu GMP und Zelltherapie. Ihr Schwerpunkt liegt auf genetischen und somatischen ATMPs. Vorgestellt wurden drei GMP-Suiten, darunter auch eine rund 400 m² große Anlage zur Herstellung von Radionukliden. Im Bereich CELL geht es um das Einfrieren von Zellen, um hämatologische Zelltherapien und um Zellreinigungsverfahren, die bisher vor Ort nicht angeboten wurden. Ein Großteil der Räume ist in Reinraumklasse C geplant, ergänzt durch ein Qualitätslabor. Im Bereich BIOLOGICS sind unter anderem die Herstellung von CAR-T-Zellen sowie weitere komplexe biologische Produkte vorgesehen; dafür stehen auch Räume der höheren Reinraumklasse B zur Verfügung.
Beeindruckend war der Einblick in den Umsetzungsstand: Das Gebäude steht, die Detailplanung läuft bis in kleinste Elemente hinein – von Hygienekonzepten und IT-Infrastruktur bis zu Isolatoren, Handschuhmaterialien und Monitorpositionen. Gerade bei hochregulierten Herstellungsumgebungen wird deutlich, wie entscheidend solche Details für Qualität und Sicherheit sind.
Inhaltlich rückte Müller vor allem die CAR-T-Zelltherapie in den Fokus. Diese Therapien sind inzwischen klinisch etabliert und für mehrere Indikationen zugelassen, stellen Gesundheitssysteme aber aufgrund des hohen Aufwands und der Kosten weiterhin vor große Herausforderungen. Ursprünglich vor allem in der Hämatoonkologie eingesetzt, eröffnen sich inzwischen auch Perspektiven für Autoimmunerkrankungen. In Wien ist die CAR-T-Herstellung bereits etabliert, eine Herstellungsbewilligung besteht seit rund einem Jahr. Geplant sind nun sowohl Studien als auch individuelle Heilversuche. Berichtet wurde über einen 57-jährigen Patienten mit systemischer Sklerose, bei dem nur minimale Nebenwirkungen und eine deutliche Besserung beobachtet wurden; ein weiterer individueller Heilversuch bei einer Patientin mit Multipler Sklerose ist in Vorbereitung. Zugleich wurde klar betont, dass individuelle Heilversuche nicht die ideale Lösung sind und strukturierte klinische Studien vorzuziehen wären. Eine entsprechende Studie für Patient*innen mit verschiedenen fortgeschrittenen Autoimmunerkrankungen ist in Planung. Darüber hinaus wurden europäische Kooperationen und Sicherheitsstrategien wie On-Off-Switches angesprochen, um Zelltherapien künftig noch besser steuerbar zu machen. Gleichzeitig wurde ein sehr praktischer Punkt hervorgehoben: Neben der wissenschaftlichen Machbarkeit braucht es Wege, diese innovativen Therapien dauerhaft im Gesundheitssystem zu finanzieren.
An diese translationalen Perspektiven schloss der Vortrag von Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr.med.univ. Markus Zeitlinger, Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie, MedUni Wien, zum Phase-1/2-Zentrum der MUW an. Seine Grundidee lautete, die Patient*innen zu den Studien zu bringen und nicht umgekehrt. Gerade in frühen klinischen Phasen sind Qualitätsstandards, Logistik und regulatorische Anforderungen so komplex, dass zentrale Strukturen entscheidende Vorteile bringen. Das AKH sei dabei ein besonderer Schatz: der Zugang zu Patientinnen, die vorhandenen Forschungscluster und die klinische Expertise schaffen ideale Voraussetzungen, um genau jene Erkrankungen zu beforschen, die aktuell für neue Wirkstoffe besonders relevant sind.
Zeitlinger verwies jedoch auch auf einen problematischen internationalen Trend. Die EU habe in den vergangenen Jahren bei klinischen Studien – insbesondere in Phase 1 und 2 – deutlich an Boden verloren, während Regionen wie China und andere Teile Asiens stark aufgeholt haben. Österreich verfüge mit rund 4 % der Phase-1-Studien zwar über eine gute Basis, doch seien europäische und nationale Gegenmaßnahmen notwendig, wenn Patient*innen weiterhin rasch Zugang zu innovativen Therapien haben sollen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die neue Infrastruktur zusätzlich an Bedeutung.
Das neue Zentrum ist direkt an das AKH angebunden und bis in einzelne Räume hinein auf unterschiedliche Funktionen abgestimmt. Für gesunde Proband*innen wie auch für spezielle Anforderungen, etwa im Zusammenhang mit infektiösen oder radioaktiven Substanzen, wurden entsprechende Konzepte mitgedacht. In Verbindung mit dem neuen PET-Bereich, der Herstellung von Radionukliden und dem direkten Zugang über Lift- und Brückensysteme entsteht eine hochintegrierte Forschungsumgebung. Sichtfenster zur Beobachtung von Proband*innen, eigene Räume für Medikamentenlagerung sowie für Zentrifugation und Lagerung von Blutproben zeigen, wie stark hier an die praktischen Abläufe gedacht wurde. Der Umzug ist für 2026 geplant; parallel wird bereits ein klinikübergreifendes Qualitätsmanagementsystem aufgebaut.
Einen weiteren, sehr wichtigen Akzent setzte Univ.Prof. Mag. Dr. Eva Schernhammer, Zentrum für Public Health, Abteilung für Epidemiologie, MedUni Wien, mit der Vorstellung des Vienna Prevention Project (ViPP). Sie griff damit den bereits zuvor mehrfach genannten Aspekt der Prävention auf und stellte die Frage, wie ein stärker präventiv orientiertes Gesundheitssystem konkret umgesetzt werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Wien bei der gesunden Lebenserwartung nicht mehr an der Spitze liegt. Je nach Bundesland bestehen Unterschiede von mehreren Jahren, und selbst innerhalb Wiens zeigen sich zwischen einzelnen Bezirken Differenzen von bis zu vier Jahren. Gleichzeitig liegen die healthy life years unter dem europäischen Durchschnitt.
Vor diesem Hintergrund soll ViPP besser verstehen helfen, welche Umwelt- und Gesundheitsfaktoren diese Unterschiede antreiben. Erkrankungen wie Diabetes, Alzheimer und Depression rücken dabei zunehmend in den Vordergrund. Der Fokus der Studie liegt auf der Sekundärprävention, wobei zugleich betont wurde, dass auch die Primärprävention enormes Potenzial besitzt: Lebensstilveränderungen könnten die Lebenserwartung deutlich verlängern. Zugleich stellt sich die gesundheitsökonomische Frage, ob Prävention langfristig Kosten einsparen kann – insbesondere vor dem Hintergrund immer teurerer Therapien.
ViPP greift internationale Erfahrungen mit Kohortenstudien und Biobanken auf, setzt jedoch mit dichteren Untersuchungsintervallen und neuen Biomarkern eigene Akzente. Vorgesehen sind Ganzkörperscreenings im Abstand von 2,5 Jahren im Vergleich zu deutlich längeren Intervallen von 10 bis 15 Jahren. Die Rekrutierung erfolgt über Einladungsbriefe an Wiener Mitarbeiter*innen, die sich freiwillig melden können; anschließend ist eine Randomisierung in zwei Studienarme geplant. Die entstehende Biobank wird im CTM eingelagert und soll zugleich eine Ressource für künftige Forschende darstellen.
Insgesamt vermittelte die Veranstaltung ein sehr geschlossenes Bild: Die neuen Gebäude, die GMP- und Zelltherapie-Infrastruktur, das Phase-1/2-Zentrum und die Präventionsforschung sind keine isolierten Projekte, sondern greifen ineinander. Gemeinsames Ziel ist es, exaktere Diagnostik, gezieltere Therapien, bessere Studienbedingungen und mehr Prävention in einer gemeinsamen Struktur zusammenzuführen. Gerade die direkte bauliche und organisatorische Nähe zwischen Labor, Herstellung, klinischer Prüfung und Versorgung macht deutlich, worum es hier letztlich geht: Forschung soll nicht neben der Medizin stehen, sondern Teil eines durchgängigen Weges werden, der bei der wissenschaftlichen Idee beginnt und bei den Patient*innen ankommt.
Das Video dieses Vortags ist nur für Mitglieder abrufbar. Den Link erhalten Sie wenn Sie Mitglied werden.
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